Sie sind hier: Titelübersicht Kultur, Umwelt  
 TITELÜBERSICHT
Psychotherapie, Psychotraumatologie
Ratgeber, Training
Kultur, Umwelt
Lernen, Schule
Arbeit, Betrieb
Forschung, Lehre

In Ihrem Warenkorb: 0 Artikel, 0,00 EUR


TRAUMA - WAHRNEHMEN DES UNSAGBAREN
 
 

15,00 EUR

ISBN-Nummer: 3-89334-336-9  

incl. 7% USt. zzgl. Versand

Sofort lieferbar  
 
Anzahl:   St



Preis in anderen Währungen




 

Waltraut Wirtgen (Hg.)
Trauma - Wahrnehmen des Unsagbaren

Psychopathologie und Handlungsbedarf. 2. Aufl. 2000, 120 S., kt., € 15.-SFr. 28.- (336-9)

"Das Buch eignet sich hervorragend als Einstiegslektüre und reflektiert die Arbeit mit traumatisierten Folteropfern und Flüchtlingen in eindrucksvoller Weise." (Kranich – Friedensbüro Salzburg).
Es sensibilisiert für menschliche Not, die sich in vielen Fällen hinter Sprachlosigkeit verbirgt. Die Autorin, Mitarbeiterin in REFUGIIO München, Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer, schlägt durch die Beiträge von renommierten Autoren (J. Müller-Hohagen, H. S. Herzka, D. Becker, M. und M Vinar) eine Brücke vom Schicksal der Überlebenden des Holocaust, von Folter und Südamerika zu Überlebenden von Folter und Traumatisierung heute –- mit den Gemeinsamkeiten im Erleben und lebenslangen Beinträchtigungen.

Aus dem Inhalt:
• Auf den Spuren des Traumas – Perspektiven der praktischen psychologischen Arbeit • Trauerprozeß und Traumaverarbeitung im interkulturellen Zusammenhang • Zur generationen-übergreifenden Erfahrung: das Peritotalitäre Syndrom • Überlebende von Folter in der Asylgesetzgebung 1996 • REFUGIO München als Brücke zwischen menschlichem Einzelschicksal und politischer Realität




 
 



 

Seit der Asylgesetzgebung von 1993 haben Flüchtlinge nur wenig Chancen, in Deutschland Aufnahme zu finden, ihre Verfolgungsschicksale und ihr Leiden findet kaum Beachtung und auch in Fachkreisen sind psychische Folgen von Terror und Unterdrückung selten Thema. Das Buch bietet hier einen überaus wichtigen Beitrag, um aus der Sprachlosigkeit, der Nicht-Beachtung und Gleichgültigkeit heraus zu führen. (Dr. Angelika Birck, Psychologin, Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin, Spandauer Damm 130, 14050 Berlin a.birck@bzfo.de)

„Der Inhalt des Buchs wirft ein grelles Licht und harte Schatten auf unser Sein und Tun, auf usnere Verantwortung als Menschen und Therapeuten in unserer scheinbar so geordneten Welt. .... Jeder wird dieses kleine Buch mit Gewinn lesen.
(bwp-Magazin, 1/2004)

„Das Buch entstand aus den Beiträgen von Ärzten, Psychologen und Psychotherapeuten auf einer Fachtagung von Refugio München, einem Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folterüberlebende. Es konzentriert sich auf die Darstellung von Traumafolgen bei politisch Verfolgten, Folterüberlebenden und Flüchtlingen. Dabei werden individuelle, gesellschaftliche und transgenerationale Auswirkungen sowie soziale Rahmenbedingungen in Deutschland besprochen.
Der erste Beitrag von J. Müller-Hohagen („Auf den Spuren des Traumas - Perspektiven aus der praktischen psychologischen Arbeit“) beschäftigt sich aus einer persönlichen Perspektive heraus mit dem Verleugnen der Bedeutung traumatischer Erlebnisse, die sowohl bei den direkt Betroffenen als auch bei jenen, die von traumatisierender Gewalt erfahren, zu beobachten sei. Das Nichtwahrnehmen des Traumas, seiner Bedeutung und der Zusammenhänge zum weiteren Leben sei geradezu typisch für viele Traumatisierungen. Beispiele aus der deutschen Kriegs- und Vernichtungsgeschichte werden genannt.
D. Becker („Trauerprozess und Traumaverarbeitung im interkulturellen Zusammenhang“) wendet sich in seinem Beitrag gegen einen inflationären Gebrauch des Trauma-Begriffes, der dazu führe, dass die Bedeutung der Traumatisierung bei Menschen, die Diktaturen und Folter überlebt haben, nicht mehr ernst genommen werde. Traumatisierungen im politischen Kontext unterschieden sich grundlegend von anderen Traumata. Anhand des Beispiels einer Familie in Chile, die beim Autor in den Jahren 1982-1992 mit Unterbrechungen in Behandlung war, wird deutlich, wie politische Rahmenbedingungen den Symptomverlauf von Einzelnen, aber auch den gesamten therapeutischen Prozess maßgeblich beeinflussten: Zunehmende politische Bedrohung führte zu Verschlechterungen der Symptomatik. Während der Diktatur konnten Aggressionen im Rahmen der Behandlung auch vom Therapeuten schlecht wahrgenommen und gar nicht angesprochen werden. Becker wendet sich im Kontext mit Folterüberlebenden gegen den Begriff der Posttraumatischen Belastungsstörung, weil dieser die politischen Bedingungen der Erkrankung übersehe und auch deshalb irreführend sei, weil die Traumatisierung nicht vorbei sei, sondern als Prozess andauere. Der Autor knüpft an Keilsons Konzept der Sequentiellen Traumatisierung an, die Zeit nach dem traumatischen Ereignis habe einen wesentlichen Einfluss auf die Verarbeitung und damit auf die Symptomatik. Abschiebeandrohungen sowie die wiederholte Notwendigkeit, eine erlittene Traumatisierung durch entsprechende Atteste und Gutachten nachzuweisen, beeinträchtigten die Gesundheit von traumatisierten Flüchtlingen.
Im Beitrag von H.S. Herzka („Zur generationen-übergreifenden Erfahrung: Das Peritotalitäre Syndrom“) geht es um die Auswirkungen von Massenverbrechen auf Kinder und auf die Nachkommen der Opfer. Bei Nachkommen, die als Kinder von überlebenden Opfern geboren wurden, werde in der Regel kein Zusammenhang zwischen ihren speziellen Erfahrungen und den Greueln, die ihre Eltern erlebten, hergestellt. In der medialen Diskussion sei zwar ab und zu die Rede davon, dass Kriege das Leben von direkt betroffenen Kindern schädigten, aber es werde nicht darüber gesprochen, dass diese Kindheitserfahrungen auch noch Jahrzehnte später ihr Leben und jenes ihrer Kinder prägten. Die wesentliche Erfahrung von Kindern im Krieg sei das Zerbrechen des grundsätzlichen Vertrauens in das Leben und in die Menschen.
Die Individuumszentriertheit der meisten Psychotherapieschulen begünstige die Isolation von Opfern, da sie die politische Dimension von erlittenen Traumatisierungen vernachlässige. Herzka sieht auch in Disziplinen des Gesundheitswesens Tendenzen, die die Entstehung von totalitären politischen Systemen begünstigten (Peritotalitäres Syndrom). Zentrale Aspekte davon seien u.a. die Beurteilung von Menschen ohne deren Mitsprache, die Vernachlässigung des (gesellschaftlichen) Kontexts, die Betonung von Funktionstüchtigkeit und Effizienz, die Verabsolutierung der eigenen Methodik („Schulmeinung“) und der Ausbau der eigenen Einfluss- und Machtposition. Der Autor beschreibt seine persönlichen Erinnerungen an seine Kindheit im Nazi-Regime und im Exil. Er stellt dem Leser Fragen, die eine Selbsterfahrung dazu anregen können, wie traumatische Erfahrungen in der eigenen Familie Einzelne über Generationen hinweg geprägt haben.
M. und M. Viñar („Folter – Attacke auf das Menschsein“) berichten von der Folter und ihrem Zweck in Diktaturen sowie ihren individuellen und sozialen Auswirkungen. In Staaten, in denen Menschen gefoltert werden, werden nicht nur Einzelne ihre Opfer, sondern die Gemeinschaft als Ganzes. Ziel der Folter sei nicht nur die Zerstörung des Einzelnen, sondern auch die Lähmung und Unterwerfung der gesamten Gesellschaft, in der jeder der Folterdrohung ausgesetzt sei. Die Autoren analysieren überzeugend die Auswirkungen der Folter auf die Sprache des Gefolterten – der Schrecken sei sprachlich nicht mehr artikulierbar. Indem die Folter den Stellenwert von Sprache grundlegend verändere und den gefolterten Menschen so seiner Ausdrucksmöglichkeiten beraube, zerstöre sie den Einzelnen und soziale Gefüge. Verhöre werden als zentrale Bestandteile des Folterns beschrieben, um das Denken des Gefolterten der Macht des Staates zu unterwerfen und um die bewusste Wahrnehmung der Situation gleichzeitig zu verhindern. Folter bedeute damit Entfremdung. Die Autoren schildern die seelischen und sozialen Katastrophen, die Staatsterror bewirkt. Ein gesellschaftlicher Diskurs, der bei der Anerkennung der Folter und Verfolgung und der dadurch angerichteten Schäden beginne, sei die Voraussetzung, damit sich Opfer wieder in die Gemeinschaft eingebunden erleben könnten.
Abschließend schreibt W. Wirtgen („Überlebende von Folter in der Asylgesetzgebung 1996. Refugio München als Brücke zwischen menschlichem Einzelschicksal und politischer Realität“) die Auswirkungen, die die Asylgesetzgebung in Deutschland auf die Lebenssituation und den Gesundheitszustand von traumatisierten Flüchtlingen hat. Es bestehe die Gefahr, das Schicksal von Folterüberlebenden zu verharmlosen und sie auf der Grundlage einer restriktiven Asylgesetzgebung einer weiteren Traumatisierung auszusetzen. Für Folterüberlebende bedeute die Abschiebeandrohung die Gefahr erneuter Verfolgung, Haft und Folter sowie Todesangst. Die Autorin beschreibt kurz häufige psychischen Symptome von Folterüberlebenden, bevor sie auf die Problematik der Begutachtung von Folterfolgen eingeht. Sie zieht Parallelen zwischen der Situation nach dem 2. Weltkrieg, in der deutsche Ärzte im allgemeinen das Leiden von KZ-Überlebenden ignorierten oder den Zusammenhang mit der erlittenen Verfolgung negierten, und der Befragung und Begutachtung von traumatisierten Flüchtlingen durch heutige deutsche Behörden, in der ebenfalls schwere Traumatisierungen nicht erkannt und/oder nicht adäquat bewertet werden. Wirtgen bespricht die Kerninhalte des deutschen Asylgesetzes und ihre Auswirkungen für folterüberlebende Asylsuchende. Beispielsweise sei erlittene und nachgewiesene Folter und nur dann asylrelevant, wenn auch die im Einzelfall erlittene politische, staatliche Verfolgung nachgewiesen werden könne. Anforderungen des Asylverfahrens könnten von traumatisierten Flüchtlingen aufgrund kultureller Unterschiede, insbesondere aber aufgrund von posttraumatischen, krankheitsbedingten Symptomen (Konzentrations- und Gedächnisstörungen, Vermeidung etc.) häufig nicht erfüllt werden. Mitarbeiter von psychosozialen Behandlungszentren für Folteropfer stießen auf die rigide Gesetzgebung, die effektive und adäquate Hilfe verunmögliche. Die Aufgabe solcher Zentren sei nicht nur die Behandlung von Einzelnen, sondern das öffentliche Sprechen über Folter und über die Folgen der heutigen Asylgesetzgebung, um ein Gefühl für Unrecht zu vermitteln und die öffentliche Gleichgültigkeit zu überwinden.
Eine Liste von Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folterüberlebende in der Bundesrepublik und in Europa schließt das Buch ab.
Insgesamt bietet die Sammlung an Beiträgen einen Einblick in die individuellen, vor allem aber sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Folter und Verfolgung sowie in die Situation von traumatisierten Flüchtlingen in Deutschland. Seit der Asylgesetzgebung von 1993 haben Flüchtlinge nur wenig Chancen, in Deutschland Aufnahme zu finden, ihre Verfolgungsschicksale und ihr Leiden findet kaum Beachtung und auch in Fachkreisen sind psychische Folgen von Terror und Unterdrückung selten Thema. Das Buch bietet hier einen überaus wichtigen Beitrag, um aus der Sprachlosigkeit, der Nicht-Beachtung und Gleichgültigkeit heraus zu führen.
(Zeitschrift für Psychotraumatologie und Psychologische Medizin, ZPPM, 1/2004)